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FAQs: Die wichtigsten Fragen zuerst Drucken E-Mail
Geschrieben von Wollachee
(Letzte Aktualisierung: Dienstag, 31. Januar 2012)

  
Die in den noch folgenden, über 100 A4 Seiten umfassenden Artikeln ausführlich behandelten Themen sind zwar möglichst einfach dargestellt, aber doch so detailiert ausgeführt, dass sie einen MCAD-Neuling, der zunächst einmal nur eine Handvoll dringender Fragen hat, weit überfordern können. Bevor es ans Eingemachte geht, werden deshalb in diesem vorangestellten Bereich gezielt die Fragen beantwortet, die sich in den Forumsbeiträgen seit Bestehen dieser Website als häufigste und dringlichste herauskristallisiert haben.
 
Diese und weitere Fragen werden in den anderen Artikeln der MCAD-Informationen und in einer ganzen Reihe von Forumsbeiträgen noch ausführlich behandelt.
 
 
Übersicht:

Ich habe gerade vom auffälligen NG-Screening erfahren! Kann es sich noch um einen Irrtum handeln?

Was bedeuten die im Screening ermittelten Werte?

Auf welche Variante des MCAD-Mangels weisen die Screening-Ergebnisse hin?

Bei meinem Kind wurde ein milder MCAD-Mangel diagnostiziert. Was bedeutet das?

Bei meinem Kind wurde ein klassischer MCAD-Mangel diagnostiziert. Was bedeutet das? 

Der Befund meines Kindes sagt nichts über die Variante, bzw. Schwere des MCAD-Mangels aus. Was hat es denn nun?

 

 

 

Ich habe gerade vom auffälligen NG-Screening erfahren! Kann es sich noch um einen Irrtum handeln?

 

Ja, die Chancen, dass es sich noch als falscher Alarm herausstellt, stehen zum jetzigen Zeitpunkt noch sehr gut, nämlich bei etwa 70%. Soll heißen: für etwa 70 von 100 Kindern, bei denen das Neugeborenenscreening durch irgendwie auffällige Werte den Verdacht auf einen möglicherweise vorliegenden MCAD-Mangel aufgebracht hat, kann bereits nach dem nun durchzuführenden Kontrollscreening ("Konfirmations-Screening") Entwarnung gegeben werden, wenn die dann gemessenen Werte in den zugrundegelegten Normbereichen liegen.

Um einen Irrtum, also eine falsch durchgeführte Analyse oder gar eine aufgrund von Schlampigkeit verwechselte Probe, wird es sich mit großer Sicherheit nicht handeln, aber es gibt doch einige Erklärungen für kurz nach der Geburt (leicht) erhöhte Werte. So weisen z.B. Frühgeborene oft erhöhte Acylcarnitinwerte auf, die den Verdacht auf einen MCAD-Mangel begründen könnten. Dies hängt auch mit der speziellen Frühgeborenennahrung zusammen, die aufgrund der besseren Verdaubarkeit einen hohen Anteil mittelkettiger Fette (MCT-Öl) enthält.

Sehr viel häufiger aber liegt die Situation vor, dass ein Kind tatsächlich von einem seiner Elternteile ein defektes MCAD-Gen vererbt bekommen hat. Damit ist es, genau wie der betreffende Elternteil, Anlagenträger oder "Carrier". Es hat aber selbst keinen MCAD-Mangel, denn dieser setzt voraus, dass es von beiden Elternteilen - die dann beide zwingend zumindest Carrier sind - jeweils die defekte Genkopie vererbt bekommen hat. Eine einzige defekte Genkopie ist klinisch ohne Bedeutung, denn die andere intakte Kopie kann MCAD-Enzyme in ausreichender Anzahl bilden. In den ersten Lebenstagen ist der Stoffwechsel eines Neugeborenen aber noch nicht vollständig eingespielt. Wenn das Neugeborene dann noch relativ geringe Nahrungsmengen zu sich nimmt, kann es passieren, dass die auf einen MCAD-Mangel hindeutenden Blutbestandteile ("Acylcarnitine") vorübergehend oberhalb des als unauffällig geltenden Normbereichs liegen. Dies kann vor allem dann auftreten, wenn das Neugeborene von Anfang an nur gestillt und nicht zugefüttert wird, und das Nahrungsangebot somit während der ersten zwei bis drei Tage noch entsprechend knapp ist.
Wenn sich die aufgenommene Nahrungsmenge nach ein paar Tagen deutlich erhöht hat, und das Baby anfängt, wieder an Gewicht zuzulegen, normalisieren sich die bis dahin erhöhten Werte wieder, so dass meistens bereits das Kontrollscreening Entwarnung bringen kann.

In 30% der anfangs auffälligen Screenings zeigt allerdings auch noch die zweite Untersuchung weiterhin erhöhte Werte, was den Verdacht auf einen MCAD-Mangel erhärtet. Doch auch hier sind die Würfel noch nicht endgültig gefallen, denn es gibt Defekte des MCAD-Gens, bei denen das Gen einen gewissen Restnutzen behält, während andere, seltenere Defekte, zu einem völligen Funktionsverlust der betroffenen Genkopie führen. Auch letztere sind bei heterozygotem Vorliegen (nur von einem Elternteil vererbt) klinisch irrelevant, jedoch dauert die Einpendelung des Stoffwechsels, bis hin zur dauerhaften Normalisierung der Acylcarnitine, unter Umständen ein paar Tage länger, so dass sich die Werte vielleicht erst nach zwei bis drei Wochen im normalen Bereich bewegen. In jedem Fall ist ein unauffälliger Befund - egal ob nach einer oder erst nach 10 Wochen - als Widerlegung des Anfangsverdachtes zu sehen, denn er drückt aus, dass der Stoffwechsel des Kindes auch in Hinsicht auf das MCAD-Enzym inzwischen rund läuft. Im Gegensatz dazu lassen sich bei Menschen mit tatsächlich als solchem zu bezeichnenden MCAD-Mangel zeitlebens in charakteristischer Weise erhöhte Werte nachweisen.

Was passiert als nächstes?

Falls es nicht schon geschehen ist, steht als nächstes eine weitere Blutentnahme für ein zweites Screening auf dem Plan. Das kann beim Kinderarzt, oder auch schon in der Stoffwechselambulanz der nächstgelegenen Uni-Klinik erfolgen. Möglicherweise werden zu diesem Zeitpunkt auch schon ein paar Milliliter Blut entnommen, die zur Durchführung der molekulargenetischen Untersuchung benötigt werden. Meistens wird das aber erst dann gemacht, wenn auch das zweite Screening noch erhöhte Werte aufweist. Bei der genetischen Untersuchung - zu der man als Eltern sein schriftliches Einverständnis geben muss - wird innerhalb des DNA-Codes des MCAD-Gens nach bekannten, aber auch neuen Mutationen gesucht, die für die Verursachung des MCAD-Mangels in Frage kommen. Es ist genau bekannt, an welchen Stellen der DNA sich die weit verbreiteten Mutationen befinden. Daher wird dort zuerst gesucht. Wird keine der bekannten Mutationen gefunden, erfolgt die Sequenzierung des gesamten Gens. Den Erfahrungen zufolge kann es einige Wochen oder sogar Monate dauern, bis das Ergebnis dieser Untersuchung feststeht. Erst alle diese Befunde zusammen werden letztlich ein relativ klares Bild darüber ermöglichen, ob bei Deinem Kind tatsächlich ein MCAD-Mangel vorliegt, und falls ja, in welcher Ausprägung.

Was kann bzw. muss ich jetzt tun?
 
Zunächst einmal: Ruhe bewahren! Wie oben beschrieben, handelt es sich bisher lediglich um einen allerersten Verdacht. Der Tandem-Massenspektrograph, eine völlig ohne menschliches Zutun arbeitende computergesteuerte Anlage, hat die mit Fersenblut betropfte Trockenblutkarte Deines Kindes analysiert und hinten eine Reihe von Zahlen ausgespuckt, verbunden mit der Feststellung, dass ein paar Werte ausserhalb des Normbereichs liegen. Was bei Deinem Kind tatsächlich vorliegt, weiß zu diesem Zeitpunkt noch niemand, denn bis zu einer auf sicheren Beinen stehenden Diagnose werden noch eine Reihe weiterer Untersuchungen notwendig.

Dennoch wirst Du natürlich von Anfang an kein Risiko für dein Kind eingehen wollen! Das einzige, was Du jetzt machen kannst, ist schlicht und einfach auf regelmäßiges Füttern zu achten. Die Empfehlungen bzgl. der maximalen Zeitabstände unterscheiden sich von Stoffwechselklinik zu Stoffwechselklinik. Ein ganz gutes Mittelmaß für die ersten Wochen ist sicherlich, die Mahlzeitenabstände 4 Stunden nicht überschreiten zu lassen. Früher geht immer! Vor allem dann, wenn Du nicht nach starren Zeiten, sondern nach Bedarf stillen oder füttern willst, werden diese 4 Stunden Abstand ohnehin meist nicht erreicht.
Ansonsten geniese Dein Kind und beobachte es einfach mit etwas erhöhter Aufmerksamkeit. Bleierne Müdigkeit ist bei Neugeborenen ganz normal, aber wenn Dir irgendetwas nicht mehr normal, oder sogar besorgniserregend erscheint, dann zögere nicht, in der Stoffwechselambulanz der nächstgelegenen Uni-Klinik anzurufen und mit dem Hinweis, bei deinem Kind läge der Verdacht auf MCAD-Mangel vor, um Rat zu fragen.

 

 

Was bedeuten die im Screening ermittelten Werte?

 

Wesentlicher Indikator für das Vorliegen eines MCAD-Mangels ist ein erhöhter Octanoylcarnitin-Wert (C8-Wert) im Acylcarnitin-Profil. Dieser Wert gibt an, dass in der untersuchten Blutprobe eine über dem normalen Maß liegende Menge an aktivierten Fettsäurenresten mittlerer Länge festgestellt wurde. Normalerweise werden Fette in Form von Fettsäuren zu den einzelnen Körperzellen transportiert und dort stückchenweise verarbeitet. Durch verschiedene Enzyme werden die Fettsäuren, die als Molekülketten in einer Länge von normalerweise 18 oder 20 Kohlenstoffmolekülen vorliegen, häppchenweise um jeweils 2 Moleküle verkürzt, bis die gesamte Kette verbraucht ist.

Ein erhöhter C8-Wert zeigt nun an, dass die Verarbeitung einer solchen Molekülkette bei einer Restlänge von 8 Kohlenstoffmolekülen zumindest teilweise abgebrochen wurde. Dieser Umstand ist ein Indiz dafür, dass es mit dem MCAD-Enzym, welches für Kettenlängen von 8-12 Molekülen zuständig ist, ein Problem gibt. Die Funktionsbereiche der Enzyme überlagern sich dabei zu einem gewissen Teil, so dass der größte auffällige Wert erst bei C8 zu erwarten ist.

Wenn ein Kind in den ersten Lebenstagen noch sehr wenig Nahrung zu sich nimmt, baut es viele Fettreserven ab, damit bleiben viele Fettsäurenreste mit 8er-Länge übrig. Diese können nicht mehr weiter verwertet werden, sondern würden in dieser Form als Stoffwechselzwischenprodukte sogar toxisch auf verschiedene Organe und das Zentrale Nervensystem wirken. Daher werden sie mit Hilfe des Transporterstoffes Carnitin aus den Zellen heraus- und zu den Nieren transportiert, wo sie aus dem Blut herausgefiltert und mit dem Urin ausgeschieden werden.
Eine in dieser Zeit entnommene Blutprobe wird im Screening mit einem relativ hohen C8-Wert auffallen. Nimmt das Kind dagegen schon annähernd regelmäßig Nahrung zu sich, werden weniger Fettreserven abgebaut, da ihm meistens "frische" Kohlenhydrate zur Energiegewinnung zur Verfügung stehen. Daher bleiben weniger Fettsäuren mit 8er Länge übrig, und die einige Tage nach dem ersten Screening durchgeführte Untersuchung wird einen schon deutlich weniger erhöhten C8-Wert aufweisen.

Der absolute C8-Wert ermöglicht daher keine endgültige Aussage über das Vorliegen des MCAD-Mangels, denn er variiert sowohl mit dem Geburtsgewicht , als auch mit dem Alter des Kindes bei der Blutentnahme. Aus diesem Grund gibt es einige Verhältniswerte (Quotienten, auch "Ratios" genannt), die aufzeigen, wie deutlich der C8-Wert aus seiner Umgebung heraussticht.

Dazu werden die Konzentrationen weiterer Molekülkettenlängen bestimmt (z.B. C2, C4, C6, C10, C12,...) und verschiedene Quotienten daraus gebildet. Besonders wegweisend hat sich dabei der Quotient C8/C10 erwiesen, denn er bleibt bei Kindern mit echtem MCAD-Mangel über einen längeren Zeitraum hinweg annähernd konstant, selbst wenn die absoluten Werte von C8 und C10 dazwischen bereits deutlich abfallen sollten. Ein hoher C8/C10-Wert (>5) ist daher ein ziemlich sicherer Indikator für das Vorliegen eines echten und klinisch relevanten MCAD-Mangels, während Werte unter 5 auf eine mildere Ausprägung hinweisen können.

Gleiches gilt für den Quotienten C8/C12, der im Mittel auch annähernd konstant bleibt, selbst wenn sich zwischen Erst- und Zweitscreening die absoluten C8- und C12-Werte deutlich verringert haben sollten.

 

 

Auf welche Variante des MCAD-Mangels weisen die Screening-Ergebnisse hin?

 

Die Diagnose des MCAD-Mangels ist wie ein aus vielen Teilen bestehendes Puzzlespiel. Erst wenn genügend Teile zusammengesetzt wurden, zeichnet sich ein einigermaßen klares Bild ab, ob tatsächlich ein MCAD-Mangel vorliegt, und welche Ausprägung dieser hat.
Manchmal spricht schon das Ergebnis des Neugeborenenscreenings eine klare Sprache, in vielen Fällen mit grenzwertig auffälligen Analysewerten kann man aber erst nach weiteren Untersuchungen eine auf stabileren Beinen stehende Diagnose erstellen.

Während jedoch vor Gericht "im Zweifelsfall ist der Angeklagte freizusprechen!" gilt, wird es bei einem aufgekommenen Verdacht für das Vorliegen einer Stoffwechselstörung wie dem MCAD-Mangel genau andersherum gehandhabt: Entwarnung wird nur gegeben, wenn aus Sicht der behandelnden Ärzte zweifelsfrei nachgewiesen wurde, dass kein MCAD-Mangel vorliegen kann.  Leider scheint für manche Ärzte der Fall bereits nach dem ersten auffälligen Befund des Neugeborenenscreenings vollkommen klar und das Interesse an weiterer Abklärung erloschen zu sein: wenn auffällige, wenn auch nur leicht erhöhte Werte festgestellt wurden, kann ja wohl irgendetwas nicht stimmen, also geht man doch besser gleich von einer schweren, also potenziell gefährlichen Variante des MCAD-Mangels aus. Sicher ist sicher - und dann erübrigen sich eigentlich auch weitere Untersuchungen zur genaueren Abklärung. Wenn die Eltern des Kindes zeitlebens vom schlimmsten Fall ausgehen, werden sie wenigstens nicht zu lasch - und fangen auch nicht an, irgendwann die Empfehlungen ihres Stoffwechselarztes womöglich in Frage zu stellen.

Wenn Du an einen so denkenden Arzt gerätst, dann wechsele nach Möglichkeit die Stoffwechselambulanz, selbst wenn das einen etwas weiteren Anreiseweg bedeuten sollte. Der MCAD-Mangel ist eine im Leben des betroffenen Menschen zeitlebens präsente Stoffwechselstörung, die regelmäßige Kontrollen in der Uni-Klinik und daher ein auf lange Zeit angelegtes Arzt-Patienten-Verhältnis bedingt. Man sollte unbedingtes Vertrauen in seinen betreuenden Arzt setzen können, was aber voraussetzt, dass auch von ärztlicher Seite aus alles getan wird, um dieses Vertrauen aufzubauen. Eine "Wir wissen zwar auch nicht, was genau bei ihrem Kind vorliegt, tun aber einfach mal so, als ob!" -Haltung trägt nicht zur Vertrauensbildung bei, sondern erzeugt bei den Eltern ein Gefühl des nicht Ernst-genommen-werdens.

Wenigstens eine hieb- und stichfeste Diagnose des MCAD-Mangels sollte vorliegen, und zwar so, dass Ihr als Eltern diese Diagnose auch nachprüfen und nachvollziehen könnt. Dazu ist es unbedingt notwendig, dass Ihr Euch von Beginn an (angefangen mit dem genauen Befund des NG-Screenings) alle Befundunterlagen in Kopie für eine eigene Akte aushändigen lasst. 

Dann ist es "nur" noch notwendig, die in den Befunden genannten Zahlen und Begriffe auch zu verstehen. Dazu soll dieser Abschnitt Hilfestellung leisten.

Neugeborenenscreening:

Die Trockenblutkarte Deines Kindes wurde als auffällig klassifiziert, weil einige Blutwerte erhöht waren, die auf das Vorliegen eines MCAD-Mangels hinweisen können. Leider gibt es keine scharfen Abgrenzungen zwischen den verschiedenen Bereichen, sondern mehr oder weniger große Überschneidungen, in denen eine Aussage bzgl. des zu erwartenden Gesamtergebnisses zu diesem frühen Zeitpunkt auf wackligen Beinen stehen würde. Allerdings gibt es - abgesehen von diesen Schnittmengen - doch Bereiche, in denen die gemessenen Werte schon sehr deutlich in eine bestimmte Richtung weisen.
 
  • Ein stark erhöhter C8-Wert (größer 5) und ein gleichzeitig stark erhöhter Quotient C8/C10 (größer 5) deutet mit sehr großer Wahrscheinlichkeit auf einen sich in den weiteren Untersuchungen herausstellenden klassischen, also schweren MCAD-Mangel hin. Vermutlich liegt die Mutation c.985a>g in homozygoter Form vor, d.h. Dein Kind hat diesen am häufigsten vorkommenden MCAD-Gendefekt von beiden Elternteilen vererbt bekommen. Selbst wenn sich in der molekulargenetischen Untersuchung zeigen sollte, dass wenigstens eine der beiden beteiligten Mutationen anders lautet, ist von einer vergleichbaren Auswirkung und somit auch Schwere auszugehen.
  • C8-Werte zwischen 0,7 und etwa 3 in Verbindung mit C8/C10-Ratios von 1,5 bis 3 legen die Aussicht auf eine milde(re) Ausprägung des MCAD-Mangels nahe. Untermauert würde diese Vermutung dann durch das Auffinden einer Mutationskombination, die als milde Form bekannt ist. Dies bedeutet, dass sie in den molekulargenetischen Untersuchungen relativ häufig gefunden wird, aber dass sie trotzdem noch nie zuvor im Zusammenhang mit erfolgten Stoffwechselentgleisungen zutage getreten ist. Für Dein Kind werden seitens der Stoffwechselärzte dann zwar annähernd die gleichen Empfehlungen bzgl. maximaler Nüchterntoleranzzeiten und Deines Verhaltens im Krankheitsfall gegeben, aber es kann schon beruhigend sein, zu wissen, dass noch nie zuvor ein Kind mit dieser Form des MCAD-Mangels jemals eine gefährliche Entgleisung erlitten hat - und das, obwohl die meisten Menschen mit dieser Ausprägung überhaupt nicht wissen, dass sie nach heutigen Erkenntnissen eigentlich einen MCAD-Mangel haben. Milde (med. "benigne" = gutartige) Ausprägungen des MCAD-Mangels werden hauptsächlich von compound-heterozygoten Mutationskombinationen hervorgerufen. Beide Eltern sind dabei Anlagenträger für unterschiedliche MCAD-Gendefekte und haben jeweils diesen Defekt an das Kind vererbt. Jede Mutation für sich kommt deshalb nur einmal vor (heterozygot), allerdings gemeinsam (compound) mit der anderen.
  • Nur gering über dem Normbereich liegende C8-Werte (kleiner 0,7) und gleichzeitig kleine C8/C10-Ratios (kleiner 1,5) sind ein starkes Indiz für einen falsch-positiven Befund. Mit hoher Wahrscheinlichkeit liegt bei deinem Kind ein heterozygoter MCAD-Gendefekt vor, d.h. es hat ihn entweder von der Mutter oder vom Vater geerbt, aber nicht von beiden. Somit ist Dein Kind - so wie der betreffende Elternteil - nur Anlagenträger ("Carrier"), aber nicht selbst von einem MCAD-Mangel betroffen. Möglicherweise haben sich die in diesem Befund noch auffälligen Werte beim Kontrollscreening, oder bei einer wenige Wochen später durchgeführten Blutuntersuchung schon vollkommen normalisiert. Dies wäre dann als eindeutige Widerlegung des Anfangsverdachts zu werten. Die vermutlich ebenfalls noch durchgeführte Genanalyse kann dann mit dem Auffinden einer einzigen Mutation noch den letzten Beweis für den reinen Carrier-Status Deines Kindes erbringen.
  • Alle weiteren Werte liegen in den Überlappungsbereichen zwischen Carrier und milder Form, bzw. zwischen milder und schwerer Form, so dass sich erst mit den Ergebnissen der weiteren Befunde ein deutlicheres Bild ergeben wird.

Kontrollscreening und weitere Acylcarnitinprofile:

Im zweiten Screening und allen weiteren Blutuntersuchungen wird der im NG-Screening noch stark erhöhte C8-Wert schon deutlich abgesunken sein. Selbst C8-Werte im Bereich von größer 10 können nach einigen Tagen schon nur noch 2-3 betragen. Dies ist für den MCAD-Mangel völlig normal, sobald das Kind anfängt größere Mengen an Nahrung zu sich zu nehmen. Im Gegensatz dazu bleibt aber der Quotient C8/C10 über einen langen Zeitraum annähernd konstant. Dies sagt aus, dass nun zwar insgesamt weniger Fettsäuren in den Zellen verwertet werden, als in den ersten Tagen aufgrund der zu dem Zeitpunkt noch bestehenden Nahrungsknappheit (daraus ergibt sich der niedrigere C8-Wert), aber dass es auch auf diese geringere Menge an Fettsäuren bezogen, bei deren Verwertung einen starken Funktionseinbruch bei einer Kettenrestlänge von 8 Kohlenstoffmolekülen gibt. Ein somit nach wie vor deutlicher Indikator für einen schweren, oder auch milden MCAD-Mangel.
Es gelten die gleichen Unterteilungen, wie im Abschnitt "Neugeborenenscreening", allerdings mit Anpassung der C8- und Beibehaltung der C8/C10-Werte.

  • Ein erhöhter C8-Wert (größer 1,5) und ein gleichzeitig stark erhöhter Quotient C8/C10 (größer 5): Hinweis auf einen schweren MCAD-Mangel
  • noch gering über dem Normbereich liegende C8-Werte (kleiner 0,7) in Verbindung mit C8/C10-Ratios von 1,5 bis 3: Hinweis darauf, dass zwar kein Carrier-Status, aber doch allenfalls eine als mild anzunehmende MCAD-Mangel-Ausprägung vorliegt.
  • Im Normbereich liegende C8-Werte und gleichzeitig kleine C8/C10-Ratios (kleiner 1,5): Sehr deutlicher Hinweis, dass nur ein Carrier-Status vorliegt. Selbst wenn in der Genuntersuchung doch zwei (seltene oder bislang unbekannte) Mutationen gefunden werden sollten, haben diese mit großer Sicherheit keinen Krankheitswert.
  • Alle weiteren Werte liegen in den Überlappungsbereichen zwischen Carrier und milder Form, bzw. zwischen milder und schwerer Form, so dass es sich erst mit den Ergebnissen der Genuntersuchung und ggf. noch einer Enzym-Restaktivitätsanalyse ein deutlicheres Bild ergeben wird.
Manche MCAD-Ausprägungen lassen sich trotz aller möglichen Untersuchungen nicht klar einordnen, sondern bleiben in einem dieser Graubereiche. In diesen Fällen sollte man zur Sicherheit des Kindes tatsächlich von der jeweils schwereren Alternative ausgehen und entsprechend vorsichtig und aufmerksam vorgehen.

Wenn dagegen tatsächlich alle Befunde eindeutig auf das Vorliegen eines reinen Carrier-Status und somit keinen MCAD-Mangel hinweisen, gibt es auch keinen Grund, ein solches Kind zwanghaft krank zu reden. Sollte sich der betreuende Stoffwechselarzt nicht auf diese Sichtweise einlassen wollen (teilweise zum reinen Selbstschutz), habt Ihr als betroffene Eltern immer die Möglichkeit, Euch zwecks zweiter Meinung an eine andere Stoffwechselambulanz zu wenden. In Deutschland ist man zum Glück (noch) nicht auf Gedeih und Verderb an den ersten Arzt, den man aufgesucht hat, gebunden, sondern hat die freie Wahl.

 

 

Bei meinem Kind wurde ein milder MCAD-Mangel diagnostiziert. Was bedeutet das?

 

Die Diagnose eines milden MCAD-Mangels basiert auf zwei wesentlichen Feststellungen als Resultat der erfolgten Untersuchungen:
  1. Die Acylcarnitinwerte der Screenings lagen deutlich unterhalb der für die bekannten schweren Ausprägungen angenommenen Wertebereiche, und
  2. die in der molekulargenetischen Untersuchung gefundenen MCAD-Genmutationen sind dafür bekannt, dass sie - zumindest in dieser Kombination - zu einer milden Ausprägung zu führen scheinen. Das setzt wiederum voraus, dass diese Mutationskombination niemals zuvor im Rahmen einer aufgetretenen Stoffwechselentgleisung in Erscheinung trat. Ausserdem müssen sie inzwischen mit einer gewissen Häufigkeitkeit gefunden werden, so dass man von einer relativ weiten Verbreitung auch schon vor Einführung des erweiterten Neugeborenenscreenings ausgehen kann, und die Einschätzung einer milden Ausprägung somit nicht nur auf einer Handvoll bekannter Fälle beruht

Besonders die Feststellung, dass es bei Kindern mit der gleichen Mutationskombination noch nie zu einer Stoffwechselentgleisung gekommen ist - und das selbst zu Zeiten, als noch nicht frühzeitig gescreent wurde, und somit die Eltern in Krankheitsphasen auch nicht peinlich genau auf regelmäßiges Füttern ihrer Kinder achteten, und kein Mensch daran dachte, bei Nahrungsverweigerung zwecks Infusion in die Klinik zu fahren - sollte geeignet sein, Dir ein paar der momentan vielleicht noch bestehenden Sorgen über die Zukunft Deines Kindes zu erleichtern.

Mit der schriftlichen Mitteilung, dass die Befunde Deines Kindes auf eine milde Variante des MCAD-Mangels hindeuten, und der sich daraus möglicherweise für Dich selbst ergebenden psychischen Beruhigung, ist es dann aber leider auch schon getan! In Bezug auf die Behandlungen durch die euch betreuenden Ärzte in der Stoffwechselambulanz, die regelmäßigen Kontrolltermine und ihre Empfehlungen hinsichtlich der Nüchterntoleranzzeiten (also der maximalen Abstände zwischen den Mahlzeiten des Kindes), der eventuellen täglichen Zuführung von Carnitin und dem Rat, bei Anzeichen von Nahrungsverweigerung sofort in die Klinik zu kommen, um das Kind während dieser Phase per Glukoseinfusion ernähren und somit bloß nicht hungern zu lassen, ändert sich nämlich mit großer Wahrscheinlichkeit überhaupt nichts.
Eine hundertprozentige Sicherheit für die Unbedenklichkeit einer bestimmten MCAD-Variante gibt es nämlich nicht, und wird es mit noch so vielen unauffälligen Beispielen auch niemals geben. Während es nämlich sehr einfach festzustellen ist, ob eine bestimmte Mutationskombination ein Risiko birgt (ein einziger bestätigter Entgleisungsfall reicht aus, um diese Mutationskombi als riskant einzustufen), funktioniert dies in entgegengesetzter Richtung leider nicht. 
 
Die bekannteste milde MCAD-Genmutation
 
Als Beispiel sei die häufige MCAD-Genmutation c.199t>c (p.Y67H) genannt. Diese Mutation - und viele anderen - wurde erst mit der Einführung des erweiterten Screenings gefunden, und war bis dahin völlig unbekannt. Dies bedeutet aber nicht, dass es sich dabei erst um einen in den letzten Jahren verbreiteten MCAD-Gendefekt handelt. Aufgrund der Häufigkeit, mit der diese Mutation inzwischen in homozygoter Form (c.199t>c/c.199t>c) und in compound heterozygoter Form (vor allem in Kombination mit der als riskant bekannten Mutation K329E / c.985a>g) gefunden wird, kann man davon ausgehen, dass sie schon seit mehreren hundert Jahren, also über viele Generationen hinweg, im Umlauf ist.

Seit etwa 40 Jahren wird der MCAD-Mangel als einer der Auslöser für bis dahin unerklärliche Stoffwechselentgleisungen erkannt und u.a. auch auf genetischer Ebene erforscht. Auch in den 30 Jahren vor der Einführung des erweiterten Screenings muss diese Y67H-Mutation in annähernd gleicher Häufigkeit in homozygoter und compound heterozygoter Form aufgetreten sein und aufgrund der Tatsache, dass sie so lange unbekannt blieb, wird geschlussfolgert, dass sie selbst im Zusammenspiel mit der als schwerer Defekt bekannten K329E zu einer milde(re)n Ausprägung des MCAD-Mangels führt. Ein Beweis lässt sich dafür leider nicht erbringen, denn dazu müsste man Kinder mit diesem Gendefekt in homozygoter oder compound-heterozygoter Form gezielt über einen längeren, und normalerweise für den MCAD-Mangel kritischen Zeitraum hinweg hungern lassen. Dieses Risiko werden aber weder Ärzte noch Eltern eingehen wollen, und selbst wenn in einer Studie mit 100 Kindern herauskäme, dass es bei einem solchen Fastentest zu keinen MCAD-typischen Auffälligkeiten oder gar einer Entgleisung kam, würde dies nicht als Garantie dafür ausreichen, dass auch dem 101. oder 102. Kind in ähnlicher Situation nichts passieren könnte.

Kein wesentlicher Unterschied in der Behandlung zwischen "milder" und "normaler" Variante!
 

Ein als solcher eingestufter milder (med. "benigner"=gutartiger) MCAD-Mangel wird daher seitens der Stoffwechselärzte identisch wie eine klassische, d.h. für ihr Entgleisungsrisiko bekannte Variante behandelt. Je nach behandelndem Arzt, und dabei hängt es wirklich rein von seiner persönlichen Meinung ab, wird vielleicht noch die maximale Nüchterntoleranzzeit um 1 bis 2 Stunden erhöht, aber auch diese soll dann nicht überschritten werden. Es wird weiterhin regelmäßige Kontrolluntersuchungen in der Stoffwechselambulanz geben, vielleicht mit etwas größeren zeitlichen Abständen, als bei Kindern mit den schweren MCAD-Varianten. Und auch im Fall der Nahrungsverweigerung, oder des wiederholten Erbrechens sollen sich die Eltern, aufgrund der nicht 100%igen Unbedenklichkeitsgarantie dieser milden Ausprägung, auf kein riskantes Spiel einlassen, sondern ihr Kind lieber in der Klinik per Infusion über die vielleicht doch nicht ganz unkritische Zeit bringen lassen.

Auf diese Weise wird sich natürlich leider auch nicht feststellen lassen, ob dieser ganze "Aufwand" tatsächlich gerechtfertigt ist, oder das Kind - und damit auch die ganze Familie - auch ohne die nächtlichen Fütterungen, Carnitingaben und zeitweisen Klinikaufenthalte problemlos und weitgehend unbelastet leben könnte. Von ärztlicher Seite aus geht es ausschließlich um Risikominimierung - nicht nur für die Kinder, auch für sich selbst, denn sie werden zur Rechenschaft gezogen werden, wenn sich ihre Empfehlungen im Nachhinein als Fehler herausstellen! Die Verantwortung für ihr Kind tragen aber letztlich die Eltern, und sie werden im Laufe der Zeit ein feines Gespür dafür entwickeln, wie sich ihr Kind in dieser oder jener Krankheitssituation verhält, wann sie die Lage selbst im Griff zu haben glauben, und wann sie sich doch wohler fühlen, wenn ihr Kind zur Sicherheit in der Klinik versorgt wird.

Was für eine positive psychische Wirkung man als Eltern aus der Erkenntnis gewinnt, dass es sich um eine (vermutlich) milde Variante handelt, bleibt letztlich jedem selbst überlassen.

 

 

Bei meinem Kind wurde ein klassischer MCAD-Mangel diagnostiziert. Was bedeutet das?

 

Vor der Einführung des "Erweiterten Neugeborenenscreenings" wurde der MCAD-Mangel ausschließlich bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen diagnostiziert, die aufgrund schwerster Krankheitssymptome, deren Ursache zunächst meist völlig unklar war, ins Krankenhaus eingeliefert worden waren. Auch bei einer Anzahl von Fällen von plötzlichem Kindstod (wenn die Todesursache unbekannt ist, wird immer eine Obduktion zur genauen Feststellung der Todesumstände  durchgeführt), wurde im Nachhinein ein MCAD-Mangel festgestellt.
Bei der Suche nach Gendefekten, die als Verursacher dieser schweren metabolischen Stoffwechselentgleisungen in Frage kämen, stiessen die Wissenschaftler fast immer auf die gleiche Genmutation im für die Bildung des MCAD-Enzyms zuständigen ACADM-Gen (ACADM="Acyl-CoenzymA Dehydrogenase, Mittelkettig").

Diese in fast allen Fällen gefundene Mutation c.985a>g (andere Bezeichnung: K329E) führt nach den Erkenntnissen der letzten 40 Jahre vor allem bei homozygotem Vorliegen - wenn ein Kind diese Mutation sowohl von seiner Mutter, als auch von seinem Vater vererbt bekommen hat - zu einer schweren Form des MCAD-Mangels. Ein solches Kind ist extrem gefährdet, eine Stoffwechselentgleisung zu erleiden, wenn es - besonders in Krankheitszeiten mit Nahrungsverweigerung - zu große Mahlzeitenpausen macht, oder aufgrund von Magen-Darm-Infekten mit Erbrechen oder Durchfall zu wenig Energie in Form von Kohlenydraten bei sich behalten und sinnvoll verwerten kann. Warum es aus dem Fettanteil der aufgenommenen Nahrung keinen großen Nutzen ziehen kann, lies bitte in den MCAD-Informationen in dem Artikel "Was ist ein MCAD-Mangel?" nach, denn hier würde dies zu weit führen.

Was bedeutet das für die Zukunftsaussichten meines Kindes?

Im ersten Moment wird Dich das Lesen von so schlimmen und manchmal sogar tödlich endenden Entgleisungen sicherlich erschrecken, aber Dein Kind ist schon jetzt viel besser dran! Ihr als Eltern wisst nämlich bereits, dass - obwohl man es eurem Kind nicht ansehen kann - da doch irgendetwas an ihm ist, was unter bestimmten Voraussetzungen ein hohes Gesundheitsrisiko für euer Kind darstellen kann.

Zu allen diesen schlimmen Entgleisungen mit teilweise tödlichem Ausgang in der Vergangenheit kam es nur deshalb, weil die Eltern dieser Kinder nicht das Geringste von dem bei ihnen vorliegenden MCAD-Mangel ahnten. Hätten Sie, oder die Ärzte der Notfallaufnahmen etwas geahnt, wäre es wahrscheinlich in allen diesen Fällen gut ausgegegangen, bzw. in den meisten Situationen gar nicht erst zu einer Entgleisung gekommen. Die ist jedenfalls eine der wesentlichen Erkenntnisse, zu der eine Langzeituntersuchung zum MCAD-Mangel schon gekommen ist.

Wie habe ich mich jetzt also zu verhalten?

Die Maßnahmen zur Vermeidung einer solchen Notfallsituation sind einfach und mit wenigen Worten auf den Punkt gebracht:
 
  • Vermeide unter allen Umständen, dass Dein Kind zu lange keine, oder zu wenig Nahrung zu sich nimmt!

Das ist in einem kurzen Satz eigentlich schon alles, was es zu beachten gilt! Alles weitere sind Feinheiten, wie dieses Ziel in der einen oder anderen Situation zu erreichen ist. Im Gegensatz zu den sogenannten "milden" MCAD-Mangel-Varianten, bei deren Vorliegen selbst ohne Beachtung irgendwelcher maximaler Mahlzeitenabstände, Nachtmahlzeiten, oder vorsorglicher Krankenhausaufenthalte mit Infusionen während Krankheitsphasen mit Nahrungsverweigerung, die davon betroffenen Kinder vermutlich niemals gefährdet sind, sind alle diese Maßnahmen für Kinder mit dem klassischen, d.h normalen und somit potentiell riskanten MCAD-Mangel zwingend notwendig.

Die für dein Kind in seinem jeweiligen Alter geltenden maximalen Mahlzeitenabstände, die es aus Sicherheitsgründen nicht zu überschreiten gilt, werden Dir vermutlich schon von der Stoffwechselambulanz mitgeteilt worden sein. Ansonsten kannst Du im Artikel "Wie wird der MCAD-Mangel behandelt?" eine Tabelle mit Zeitvorschlägen finden, die unter den deutschen SAs weit verbreitet sind.

Nachts empfiehlt es sich einen Wecker zu stellen, um Dein Kind nach spätestens diesem empfohlenen Zeitraum wieder zu stillen, oder mit einem Fläschchen zu füttern.
Keine Angst! Die in der Tabelle aufgeführten Zeiten sind immer noch sehr kurz gewählt, um auf jeden Fall auf der sicheren Seite zu bleiben. Nach einer ordentlichen Mahlzeit kommt Dein Kind bei normalem Gesundheitszustand besonders nachts auch locker noch ein paar Stunden länger ohne erneutes Füttern aus, ohne dass sich bei ihm gleich eine Entgleisung anbahnt. Fast alle in der Vergangenheit erfolgten nächtlichen Entgleisungen traten nämlich im Zusammenhang mit einem Magen-Darm-Infekt auf, wenn das Kind schon am Abend keinen Appetit mehr hatte, oder seine letzte Mahlzeit fast vollständig wieder erbrochen hatte. Während der vorangegangenen Monate oder gar Jahre hatten diese Kinder auch keine Probleme mit den nächtlichen Mahlzeitenpausen. Oftmals sahen es die Eltern ihrem Kind beim Zubettbringen aber auch noch gar nicht an, dass es etwas ausbrütete! Daher ist es wichtig, bei der Beachtung dieser Zeiten nicht nachlässig zu werden.

Für euch als Eltern werden die Nächte mit einem zuverlässig klingelnden Wecker aber sehr viel entspannter verlaufen. Da mehrere Eltern schon die Erfahrung gemacht haben, wie schrecklich man sich fühlt, wenn man irgendwann mal vor lauter Müdigkeit den klingelnden Wecker einfach abschaltet und sofort wieder einschläft - nur um dann aus dem Schlaf aufschreckt, und voller Panik festzustellen, dass man den spätestens fälligen Fütterungszeitpunkt bereits um eine oder mehr Stunden überschritten hat, empfiehlt es sich wirklich, nicht nur einen, sondern sogar zwei Wecker kurz nacheinander klingeln zu lassen.

 

 

Der Befund meines Kindes sagt nichts über die Variante, bzw. Schwere des MCAD-Mangels aus. Was hat es denn nun?

 

Diese Frage lässt sich nicht so ohne weiteres beantworten! Hierzu müssen alle vorliegenden Befunde in ihrer Gesamtheit betrachtet werden. Angefangen mit dem Bericht des Neugeborenenscreenings, über die Ergebnisse des/der Kontrollscreenings bis hin zu den in der molekulargenetischen Untersuchung gefundenen Mutationen und ggf. auch noch die ermittelten Restaktivitäten des Enzyms.
 
Je mehr Befunde vorliegen, desto deutlicher wird das sich daraus ergebende Gesamtbild. Allerdings erfordert es auch noch etwas Erfahrung, um diese Zahlen in ihrer Gesamtheit zu deuten, und selbst dann wird die Frage nach der groben Eingruppierung des vorliegenden MCAD-Mangels in manchen Fällen letzten Endes unbeantwortet bleiben müssen.

Sollte für Dich das Thema MCAD-Mangel noch neu sein, empfehle ich Dir, die Dir vorliegenden Daten (Zahlen und Aussagen der Befunde) einfach mal in einem der geschützten Forumsbereiche mitzuteilen, so dass wir sie gemeinsam analysieren und bewerten können. Eine andere Möglichkeit wäre, mir die Daten per PN oder Email (12e60d46ceef34229a1d2286a7e02b38 ) zuzuschicken.

Ansonsten gibt es in den Befunden natürlich auch einige typische Begriffe, die Dir in Verbindung mit den unter der Frage "Auf welche Variante des MCAD-Mangels weisen die Screeningergebnisse hin?" zu findenden Erklärungen eine Vorstellung ermöglichen sollten.

Eindeutige Hinweise auf eine schwere Form liegen vor, wenn folgende Begriffe auftauchen:
  • "klassischer MCAD-Mangel": eindeutig die schwere Version, denn als "klassisch" wird nur die bekannte Hochrisikovariante c.985a>g (K329E) homozygot bezeichnet.
  • "c.985a>g homozygot" oder "K329E homozygot": Wenn diese Mutationen im Befund genannt wurden, besteht ebenfalls kein Zweifel daran, dass es sich um eine schwere Form handelt.
  • "gefunden wurde die häufigste Mutation in homozygoter Ausprägung"
Eindeutige Hinweise auf eine milde Form liegen dagegen vor, wenn die Mutation c.199t>c (Y67H)
  • homozygot oder
  • compound heterozygot mit c.985a>g (K329E)
gefunden wurde.

Alle anderen Mutationskombinationen sind im Vergleich dazu so selten, dass es keine ausreichende Datenbasis gibt, die eine auf den Erfahrungen betroffener Patienten aufbauende Klassifizierung in schwer oder mild ermöglicht. Eine MCAD-Mangel-Ausprägung kann allerdings schwerlich als mild im Sinne von "gutartig" bezeichnet werden, wenn eine Person mit dieser Mutationskombination schon mal eine Stoffwechselentgleisung erlitten hat. Anhaltspunkte zur Einstufung einiger der rund 70 bekannten Mutationen sind im Artikel "Infos zu den Mutationen" zu finden.

Am ehesten lassen sich zur Klassifizierung der individuellen Ausprägung eines MCAD-Mangels noch die reinen Acylcarnitinwerte und deren Quotienten aus den Screenings heranziehen. Wenn die in der Antwort zu "Auf welche Variante des MCAD-Mangels weisen die Screeningergebnisse hin?" behandelten Werte Deines Kindes deutlich auf eine schwere Form hinweisen, sind die gefundenen Mutationen irrelevant, und eine eventuell durchgeführte Restaktivitätsanalyse des Enzyms wird diese Einschätzung mit hoher Wahrscheinlichkeit nur bestätigen, statt sie zu widerlegen. Lediglich in den Graubereichen, in denen die Acylcarnitinwerte eine klare Eingruppierung in Carrier<->milde Form<->schwere Form nicht direkt zulassen, können diese Untersuchungen ein kleines Stück mehr Klarheit verschaffen.

Hin und wieder kommt es allerdings auch vor, dass die Genanalyse nur eine Mutation hervorbringt, die Screeningwerte zuvor aber sehr deutlich auf einen MCAD-Mangel (egal ob mild oder schwer) hingewiesen haben. Dies ist nicht als Hinweis darauf zu verstehen, dass selbst Carrier, die nur von einem Elternteil einen MCAD-Gendefekt geerbt haben, einen MCAD-Mangel ausprägen können, sondern dass bei dem betreffenden Kind - und dem anderen Elternteil - eine mit den derzeitigen Analysemethoden noch nicht ermittelbare zweite Mutation vorliegt, die in Kombination mit der bereits gefundenen Mutation diese nachweisbare Einschränkung des MCAD-Enzyms ausgelöst hat.

Haben die Screeningwerte bereits den Verdacht auf einen reinen Carrierstatus nahegelegt, ist nur eine gefundene Mutation als Beweis dafür anzusehen, bei dagegen deutlich erhöhten Werten hat das Auffinden nur einer Mutation jedoch keine Bedeutung.


> Weiter zum Artikel: 1. Was ist ein MCAD-Mangel eigentlich?

 

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